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Schwäbische Schicksale in Kleidungsstücken
im Ethnografischen Museum Budapest
Welche Geschichten tragen unsere Kleider in sich? Können sie wohl die Geheimnisse der Vergangenheit enthüllen und das Schicksal von Einzelnen, Familien und Volksgruppen sichtbar machen? Die Gastausstellung des Ethnografischen Museums, vermittelt vom Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm, entfaltet an einer Reihe prachtvoller Trachten die freudigen wie traumatischen Erlebnisse donauschwäbischer Mädchen und Frauen. Die Ausstellung ist vom 6. Juni 2025 bis zum 25. Januar 2026 zu sehen.
„Es ist Frühling, und die dreizehnjährige Elisabeth ist voller Vorfreude: Sie bereitet sich auf ihren ersten Ball vor. Ihre Mutter legt größte Sorgfalt darauf, sie perfekt anzukleiden. Das weiße Hemd ziert eine gestickte Blume sowie Elisabeths Monogramm. Der weite Rock schimmert schon von Weitem. Dass die Mädchen so farbenprächtige Kleider tragen, ist einem guten Jahrzehnt ungarischen Kultureinflusses zu verdanken – eine Neuerung im Dorf. Wahrscheinlich hat die Familie Kremer den Stoff schon Jahre zuvor gekauft: Im benachbarten Jink gab es zwei größere Geschäfte. Die jüdischen Besitzer verkauften außerordentlich hochwertige und modische Stoffe – darunter genau die für den ersten Ball geeigneten. Für Elisabeth schien aber dieser Ball zugleich der letzte zu sein: Im August 1947 wurde ihre Familie aus Ungarn vertrieben“, liest man im Ausstellungstext zu einem Ballkleid aus Sagetal. Eine von vielen persönlichen Geschichten…
Kleidung ist ein sichtbarer Teil unserer Persönlichkeit: Sie zeigt, wer wir sind, wer wir sein wollen – oder eben wer wir sein müssen. Bevor Kleidungsstücke in Massenproduktion gefertigt wurden, war jedes Einzelstück maßgeschneidert für eine bestimmte Person. Trachten verrieten nicht nur etwas über Status, Alter, gesellschaftliche Lage oder Vermögensverhältnisse, Konfession oder ethnische Herkunft, sondern auch, für welchen Anlass oder welches Fest sie bestimmt waren. Mit der Zeit haben diese Gewänder unzählige Erinnerungen aufgenommen: Versprechen von Glück, von Verlust und Trauer, von Angst, Schmerz und der Hoffnung auf einen Neubeginn.



in Ulm

Ibolya Hock-Englender, die Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen
Die Gastausstellung des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm (DZM) erzählt am Beispiel von zwanzig Trachten aus der Zeit von 1880 bis 1980 das Schicksal donauschwäbischer Mädchen und Frauen. Zu sehen sind auch einzigartige Kunstwerke wie die Aquarelle der in Wien geborenen Malerin Erna Piffl (1904–1987) über Trachten aus ungarndeutschen Dörfern.
Die Ausstellung widmet sich zwei Fragestellungen: Wie haben Frauen ihre Kleidung gestaltet – und wie hat die Kleidung die Frauen geprägt? Anhand festlicher Trachten und der Lebensgeschichten ihrer einstigen Trägerinnen werden einerseits die wichtigsten Stationen weiblichen Lebens vom Kindes- über das Eheleben bis ins Alter erlebbar, andererseits spiegeln sich in den Exponaten die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wider, insbesondere die tragischen Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg: Verschleppung und Vertreibung.


Brauttrachten, Festtagskleider, Sonntagstrachten für den Kirchenbesuch, Kleider von Donauschwäbinnen, denen das Leben entrissen wurde – sie alle erzählen von Sparsamkeit und Repräsentation, von Tradition und Frömmigkeit, von Erinnern und Vergessen, von Nähen, Stricken, Häkeln, Sticken und Pflegen der Kleidung, von Wandel und von den Auswirkungen großer historischer Ereignisse auf den Alltag.
Das DZM sammelt und erforscht Geschichte und Kultur der deutschsprachigen Minderheit in Südosteuropa. Seit den 1920er Jahren bezeichnet der Begriff „Donauschwaben“ die Nachkommen der rund 500.000 Deutschen, die im 18. und 19. Jahrhundert entlang der Donau in die damalige historische Ungarnregion ausgewandert sind: in die Gebiete der Tolnau, der Branau und der Schomodei (die sogenannte „Schwäbische Türkei“), ins Transdanubische Mittelgebirge, nach Bekesch, in die Batschka, in den Banat, nach Syrmien, Slawonien und Sathmar. Mit dem Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wurden sie Bürger Ungarns, Jugoslawiens bzw. Rumäniens. Einen tiefen Bruch brachte der Zweite Weltkrieg: Am Kriegsende wurde die gesamte Volksgruppe der Kooperation mit den Nationalsozialisten beschuldigt. Die meisten Donauschwaben flohen oder wurden gewaltsam vertrieben, viele starben in jugoslawischen Internierungslagern oder bei Zwangsarbeit in der Sowjetunion. Heute leben ihre Nachfahren in aller Welt; in Ungarn bekennen sich knapp 143.000 Menschen zur deutschen Nationalität. Diesmal erzählen ihre Trachten und Trägerinnen ihre Geschichte.




Die Textilsammlung des DZM umfasst um die 12.000 Gewandstücke, überwiegend aus den 1940er Jahren – jene Festtagskleider, die Familien bei Flucht oder Vertreibung mitnahmen und als Erinnerungsstücke bewahrten. Es handelt sich dabei vorwiegend um Sonntags- und Feiertagsgewänder, weil gerade die schönsten Stücke bewahrt wurden. Ihre Trägerinnen trugen sie meist zu Treffen unter Schicksalsgenossen in Deutschland, obwohl sie sich im Alltag äußerlich ihrer neuen Umgebung anpassen mussten, um ihre Zukunft zu sichern.
Gleichzeitig mussten sie erkennen, dass gerade diese Trachten ihr Anderssein und ihre Fremdheit in der neuen Heimat betonten. So verschwanden die besten Stücke in den Tiefen der Schränke und wurden über Jahrzehnte als Erinnerungsstücke gehütet, ehe sie ins Museum gelangten.






Zur bis zum 25. Januar 2026 besuchbaren Sonderausstellung werden auch Führungen und museumspädagogische Programme angeboten. Im Juni finden beispielsweise am Mittwoch, dem 18., und am Freitag, dem 20., jeweils um 12 Uhr sowie am Samstag, dem 28., und am Samstag, dem 19., jeweils ab 11 Uhr thematische Führungen mit Experten statt. Für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe sowie der Mittelschulen besteht nach vorheriger Absprache die Möglichkeit, an einem Diskussions-Theater mit dem Titel „Gegen euren Trend“ teilzunehmen. Dabei können sie als aktive Mitwirkende die Grenzen zwischen individueller Entscheidung und der Anpassung an gesellschaftliche Normen ausloten. Für Kindergartenkinder und Schülerinnen und Schüler der Unterstufe der Grundschulen bietet das Programm „Großmutters Kleiderschrank“ eine märchenhafte Entdeckungsreise, bei der sprechende Kleider, ein Liebesbrief, geheimnisvolle Tücher und weitere magische Gegenstände in das Labyrinth der Vergangenheit führen.

Kuratorin: Henrike Hampe – Donauschwäbisches Zentralmuseum
Fachliche Leitung: Monika Lackner, Erika Vass
Quelle und Fotos: Ethnografisches Museum, László Incze


