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Vor 80 Jahren: Flucht, Deportation und Vertreibung der Deutschen aus Ungarn
Historikertagung 2026 in Wudersch/Budaörs
Vor 80 Jahren begannen Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ungarn. Aus diesem Anlass veranstaltete der Deutsche Kulturverein Budaörs und das Jakob-Bleyer-Heimatmuseum am 19. September 2026 eine Historikertagung im Wuderscher Heimatmuseum. Durch das Programm führte Prof. Dr. Nelu Bradean-Ebinger.
Die Veranstaltung eröffnete Dr. Kathi Gajdos-Frank mit einem Vortrag über den ungarndeutschen Zeitzeugen Georg Richter.
„Heimat ist der Geburtsort mit der prägenden Kraft für die Entwicklung der Persönlichkeit“ (Richter).
Richter wurde im Jahr 1926 geboren und bekannte sich 1944 offen als Deutscher. Die Folge davon war die Zwangsrekrutierung zum ungarischen Sanitätsdienst. Er wurde zudem festgenommen und in die Sowjetunion deportiert. Dort lernte er Russisch und schrieb Briefe aus der Gefangenschaft; einen davon las die Referentin dem Publikum vor.
1950 kehrte er schließlich nach Ungarn zurück. Hier wurde er jedoch erneut verhaftet und zur Zwangsarbeit im von Diskriminierung geprägten Tiszalök gezwungen.


1953 gelang ihm die Ausreise nach Deutschland; seine Erlebnisse verarbeitete er später in seinem Buch „Neun Jahre lebendig tot“.
Richter selbst wurde zum Brückenbauer zwischen Deutschland und Ungarn und zu einem wichtigen Bewahrer der ungarndeutschen Geschichte; eine Rolle, für die er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Er erinnert ohne Hass und ohne Rache: „Heimat kann verloren gehen, Erinnerung nicht“, denn „Geschichte lebt in Menschen, Stimmen und Familien”.
Dr. Kathi Gajdos-Frank fasste das wie folgt zusammen: „Richter steht für die Tragik, aber auch für die erstaunliche Widerstandskraft der Ungarndeutschen“.
Anschließend folgte der Vortrag von Prof. Dr. Zoltán Tefner über Flucht, Deportation und Vertreibung der Deutschenaus dem Karpatenbecken. Zunächst erklärt er eine wissenschaftliche Definition von Flucht. Diese bedeutet „ein Vorgang oder eine Handlung, bei der jemand – auf der Suche nach Sicherheit – eilig einen Ort verlässt, um einer realen oder vermeintlichen Gefahr, Verfolgung oder unangenehmer Situation zu entkommen, und dabei sein bisheriges Umfeld hinter sich lässt“.
Er unterscheidet drei Arten der Flucht: die psychologische Flucht, bezieht sich auf das Kopf-in-den-Sand-Stecken vor der Realität, die sich bei den Ungarndeutschen jedoch nicht feststellen lässt. Außerdem die physische Flucht, das schnelle Entfernen von einer unmittelbaren Gefahr, wie etwa beim Brand von Szatmárökörító. Zudem die soziale und rechtliche Flucht, erzwungen durch Krieg, Verfolgung oder Hungersnot.
Der Vortrag wurde mit einer Einordnung der zeitlichen Phasen der Flucht fortgeführt. 1943 machten die Sowjets Ungarn für die Unterstützung Hitlers verantwortlich, auch die deutsche Minderheit wurde für mitschuldig erklärt (Kollektivschuld). Am 19. Januar 1946 fuhr der erste Zug mit Vertriebenen los. Beiträge aus dem Publikum ergänzten zudem den Vortrag.
Der dritte Referent, Mag. Dr. Hans Dama war leider nicht anwesend. Sein Vortrag „Flucht, Deportation und Vertreibung der Banater Deutschen“ wurde daher von der Moderation vorgetragen. Zu Beginn wurde eine Bildergalerie über die Fluchtsituation gezeigt. Am 23. August 1944, mit dem Seitenwechsel Rumäniens gegen Hitler-Deutschland, brach im Land ein allgemeines Chaos aus. Aus Angst vor der heranrückenden Sowjetarmee riefen die aus Griechenland zurückweichenden deutschen Militäreinheiten die Banater Bevölkerung zur Flucht auf und unterstützten sie dabei. Die Menschen zogen daraufhin auf Pferdewagen, vereinzelt auf Traktoren oder zu Fuß über Jugoslawien, Ungarn, Österreich und Böhmen nach Bayern. Die Bedingungen waren dabei von ständiger Gefahr gekennzeichnet.
Nach dem Kriegsende folgte für viele eine zweite, ebenso gefährliche Flucht, und zwar die Rückkehr ins Banat. Ohne gültige Papiere gab es auch an der grünen Grenze kein Durchkommen, den Grenzsoldaten wurde Schießbefehl erteilt. Viele Rückkehrer kamen dadurch ums Leben. Wer es zurückschaffte, fand sein Haus zudem oft besetzt vor.
Viele Geflüchtete blieben in Österreich. Hier drohte ihnen allerdings Ende der 1940er-Jahre eine zweite Vertreibung, denn Österreich wollte zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Deutschen mehr aufnehmen, sodass die Betroffenen zeitweise rechtlos waren. Über eine Million Volksdeutsche, darunter auch Deutschsprachige aus der ehemaligen Monarchie, wurden auf diese Weise ein zweites Mal vertrieben.
Neben dieser Flucht schilderte Dama zwei weitere, dramatische Kapitel. Ab Januar 1945 wurden rund 30.000 bis 33.000 Banater Deutsche in sowjetische Straflager verschleppt, wo von insgesamt rund 70.000 Deportierten etwa 15 Prozent nicht überlebten. 1951 folgte die Bărăgan-Deportation, wo über 40.000 Menschen, darunter 9.410 deutscher Volkszugehörigkeit, in die menschenleere Bărăgan-Steppe verschleppt wurden, wo etwa ein Viertel der Verschleppten starb.
Im Anschluss an diese emotionalen Vorträge folgte eine aktive Diskussionsrunde, bevor die Tagung ab 12:30 Uhr bei einem Empfang ausklang.
Lilly Rudin


