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Mariä Himmelfahrt als lebendige Erinnerungskultur der Ungarndeutschen

Ein Besuch aus Schambek in Bonnhard
Rund um das Jahr, rund um das Land

Mariä Himmelfahrt, der 15. August, gehört zu den bedeutenden Festtagen der ungarndeutschen Volkskultur. Mit dem Fest verbunden ist der Brauch der Kräuterweihe: Kräuter, Blumen und Getreide werden zu einem Kräuterbuschen („Kräuterbüscherl”) gebunden und im Rahmen der festlichen Messe gesegnet. Der Brauch verbindet religiöse Vorstellungen mit altem Pflanzenwissen und einer symbolischen Beziehung zwischen Mensch, Natur und Gemeinschaft. In vielen ungarndeutschen Gemeinden wird diese Tradition heute wieder bewusst gepflegt und an die jüngere Generation weitergegeben.

Im Sommer 2026 hatte eine Delegation der Lochberg-Tanzgruppe aus Schambek die Möglichkeit, Mariä Himmelfahrt in Bonnhard gemeinsam mit der dortigen deutschen Gemeinschaft zu erleben. Für uns war diese Begegnung weit mehr als ein folkloristisches Ereignis: Sie bot die Gelegenheit, Gemeinsamkeiten und regionale Unterschiede eines lebendigen ungarndeutschen Brauchs unmittelbar zu erfahren.

Die Kräuterweihe fand in Bonnhard im Rahmen eines zweisprachigen Festgottesdienstes statt. Besonders eindrucksvoll war die Einzugsprozession in traditioneller Tracht. Zahlreiche Gläubige trugen ihre Kräutersträuße zur Segnung, während Tänzerinnen, Tänzer und Jugendliche in Tracht sichtbar vor dem Altar standen. Der Chor, in dem in bedeutender Zahl auch Mitglieder des Chors vom Ungarndeutschen Kulturverein mitwirken, erfüllte die Kirche mit alten Marienliedern, während der Pfarrer den Segen in deutscher Sprache spendete. Die Verbindung von Liturgie, Tracht, Musik, Gemeinschaft und überliefertem Brauchtum machte deutlich, dass diese Tradition nicht nur als Erinnerung an die Vergangenheit verstanden werden kann, sondern bis heute gemeinschaftsstiftend wirkt. Der Brauch „Werzpischl“ zu binden, wurde 2004 nach der römisch-katholischen Tradition in Ziko/Cikó von Ilona Köhler-Koch und dem Volkstanzverein Kränzlein zu neuem Leben erweckt.

Ein besonderer Teil unseres Besuches war das gemeinsame Sammeln der Kräuter in Grawitz/Grábóc. Mehrere Jugendliche aus Schambek reisten gemeinsam mit den Bonnhardern in dieses charmante Dorf, um das Sammeln, Auswählen und Binden der Kräutersträuße selbst kennenzulernen. Gleichzeitig dokumentierten sie die Begegnung mit Fotos und Videoaufnahmen (unser Dank gilt dafür unserem Media-Team: Dorina Schneider, Lili Horváth, Norina Gulyás). Damit wurde die junge Generation nicht nur zur Beobachterin, sondern selbst zur Trägerin und Vermittlerin des Brauchs.

Besonders interessant war der Vergleich der Kräuterbuschen aus Bonnhard (bzw. Ziko) und Schambek – zwei ungarndeutschen Gemeinden, die rund 130 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen und dennoch gemeinsame Wurzeln und lebendige Traditionen verbinden. In Bonnhard steht traditionell die Lampionpflanze (Physalis alkekengi) im Mittelpunkt des Straußes und wird symbolisch mit dem Herzen Mariens verbunden. In Schambek hingegen bildet ein mit Früchten behangener Pflaumenzweig die Mitte des Kräuterbuschens. Dieser trägt eine besondere gemeinschaftliche Bedeutung: Wer einen solchen Zweig mit einem anderen Menschen teilt, soll immer wieder zueinander zurückfinden. Gerade solche regionalen Unterschiede zeigen, wie lebendig und vielfältig eine gemeinsame kulturelle Tradition sein kann.

Auch in Schambek hat die Kräuterweihe eine besondere Bedeutung. Die heutige Tradition wurde im Jahr 2006, nach dem Tod meiner Urgroßmutter Maria Brenner (1911–2006), auf Grundlage ihrer mündlichen Erinnerungen wiederbelebt. Damals wurden von der Lochberg-Tanzgruppe erstmals Kräutersträuße und ein Schnitterkranz zur Segnung in die Kirche gebracht. Pfarrer Márton unterstützte die Wiederaufnahme des Brauchs. Seitdem werden in Schambek jedes Jahr vor Mariä Himmelfahrt Kräuter gesammelt und zu Sträußen gebunden; seit 2010 geschah dies mit fachlicher Unterstützung von Tímea Kárpáti im Heimatmuseum (Hl. Wendelini-Haus).

Traditionell werden in Schambek sieben oder neun verschiedene Kräuter und Blumen verwendet, darunter beispielsweise Kamille, Schafgarbe und Lavendel. Nach der Segnung werden die Sträuße mit nach Hause genommen und zum Trocknen auf dem Balken aufgehängt. In Schambek wurde ihnen auch eine besondere Funktion im Jahreslauf zugeschrieben: Am Heiligen Abend wurden die gesegnete und getrocknete Kräuter in einer alten Schale mit Myrrhe verräuchert, während der Hausherr zum Christkind betend durch das Haus ging. Der Kräuterbuschen wurde damit zu einem Bindeglied zwischen kirchlichem Fest, häuslichem Leben und familiärer Erinnerung. In Bonnhard, bzw. Ziko (wo der Strauß ursprünglich aus über 22 Pflanzen bestand, von denen heute leider nur noch ein Bruchteil zu pflücken ist) wird der Strauß nach einem Jahr auch verbrannt.

Die Begegnung zwischen Schambek und Bonnhard hat gezeigt, wie wertvoll solche persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnungen für die Pflege der ungarndeutschen Kultur sind. Gemeinsame Wurzeln werden dabei nicht durch die Unterschiede geschwächt – im Gegenteil: Gerade die regionalen Besonderheiten machen die Vielfalt dieser Kultur sichtbar.

Ein Brauch lebt nur dann wirklich, wenn wir ihn weitergeben. Wir haben ihn von unseren Vorfahren bekommen – und wir (Schambeker und Bonnharder) möchten ihn weitergeben.

Ein herzliches Dankeschön gilt der Deutschen Selbstverwaltung Bonnhard, dem Volkstanzverein Kränzlein, insbesondere Ilona Köhler-Koch, sowie allen Beteiligten für die herzliche Aufnahme und die gemeinsame Erfahrung. Unser besonderer Dank gilt auch der älteren Damen, die ihr Wissen weitergegeben haben und die Jugendlichen dazu initiiert haben, diese Tradition aufzugreifen.

Wir freuen uns auf weitere Begegnungen, bei denen wir unsere gemeinsamen Wurzeln entdecken, voneinander lernen und unsere lebendige ungarndeutsche Kultur gemeinsam weitertragen können.

Sandra Titanilla Fuchs
Lochberg-Tanzgruppe (Schambek)

Wir danken Ilona Köhler-Koch, dem Volkstanzverein Kränzlein, dem Bundesministerium des Innern und der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen für ihre Unterstützung.

Gesprächspartner: Dorina Schneider (Schambek), Ilona Köhler-Koch (Bonnhard), Éva Pap (Bonnhard), Anna Lili Szabó (Bonnhard)
Videoaufnahmen, Fotos:
 Sandra Titanilla Fuchs, Lili Horváth, Dorina Schneider, Norina Gulyás, Anna Lili Szabó, Réka Máté, Facebook-Seite vom Volkstanzverein Kränzlein, Live Aufnahme von Bonyhád TV
Schnitt:
 Károly Radóczy, Andor Simon

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